Die Woche des Sehens

Eine Sattelhaube mit unserem Maskottchen

Guck mal!? Sagte unser neues Maskottchen, als wir am Samstag den 17. Oktober mit einem ansehnlichen Trupp der „Jungen Aktiven“ anrückten. Mitten in der Fußgängerzone vor H&M sollte unser Aktionsradius sein. Ein Stehtisch dient als seriöse Besprechungszone. Einige Meter weiter stellten wir einen Drahtesel als Eyecatcher quer auf die Straße.

Wir drapierten ihn mit ausrangierten Langstöcken. Wie er so da stand, glich es fast einem Kunstwerk.
Es war so richtig viel los. Die anfängliche Aufregung legte sich schon bald.
Während die Einen bereit zum Austausch in der Defensive die Stellung hielten, versuchten es die Anderen in der Offensive. Also ran an das Laufpublikum am Samstagmittag.

Oh man da war was los. Doch es ist nicht so leicht, die Dinge an den Mann bzw. an die Frau zu bringen. Beispielsweise die Flyer, die übrigens echt prima gelungen sind.

Dank so vieler engagierter Leute. Die keine Zeit und Mühen gescheut haben um dieses Projekt zu unterstützen.
Super Texte, wie zum Beispiel: Münster ist Fahrradstadt, aber auch Autostadt, Kinderwagenstadt, Rollatorenstadt.
Auch wir bewegen uns durch Münster:
Blinde und sehbehinderte Menschen. Per Langstock orientieren wir uns dabei an ertastbaren Stellen wie Bordsteinkanten, Häuserwänden oder ein für uns angelegtes Leitsystem.

Diese Erklärungen wurden mit tollen Fotos nochmals verstärkt. Im Anschluss folgen einige sich selbsterklärende Bilder über echt krasse Parksituationen, wie parken auf dem Leitstreifen oder in mehreren Reihen auf schmalen Wegen.

Es ging hierbei nicht um Anmahnen, sondern vielmehr um Aufklärung, Sensibilisierung für ein achtsameres Miteinander. Hierzu gibt es einen Instagram #GuckmalMS, unter dem man seine Parkärgernisse posten kann. Besonders super wird das mit einer Bildbeschreibung.

Das war noch nicht alles. Neben dem Flyer verteilten wir Sattelhauben, bedruckt mit einem besonders putzigen Kerlchen. Unser neues Maskottchen (über ihn und seine Entstehung berichten wir an anderer Stelle mehr), ein echter Sympathieträger der Kleine, bei Damen und Kindern war der außerordentlich beliebt.

Zwischenzeitlich waren wir ganz schön demotiviert. Eine ganze Weile schien es als würde man uns nicht bemerken. Na klar, die Leute hatten ihr eigenes Programm im Kopf und das hieß Shopping. Da kam uns die spontane Idee, mit einem wenn auch sehr minimalistischem Improvisationstheater, die Aufmerksamkeit auf uns zu lenken. Das zeigte unmittelbare Wirkung. Die meisten Leute wollten uns dann sozusagen auf den rechten Weg bringen, um das Fahrrad drum herumführen. Andere waren der Ansicht, dass man das doch merken könne, wenn dort ein Fahrrad im Weg steht. Also man hört schon, wir hatten zum Teil sehr besondere Begegnungen. Auch die Kleinsten waren interessiert und wollten mal wissen, was das für ein Stock ist und ob wir so richtig blind sind oder nur ein bisschen.

Diese Zwergengespräche machen meist unwahrscheinlich Spaß. Einige Leute nutzten selbstverständlich das Angebot der seriösen Besprechungszonen, um sich zu informieren, oder auch um sich zu solidarisieren. Denn Fahrradrüpel oder Städteplanung/Parkplätze gehen uns alle an.

An diesem Tag sind wir um einige Flyer, Sattelhauben und essbare Glubschaugen leichter geworden.
Nach einigen Stunden in herbstlicher Frische, leicht fröstelnd und um so manche Eindrücke reicher packten wir zusammen.

Eine echt coole Aktion. Ich bin mir sicher, nach einer Verschnaufpause wären die meisten von uns wieder dabei.
Holger, Dagmar und die „Jungen Aktiven“.

Doch eine kleine unfassbare Story der besonderen Art, die möchte ich euch nocherzählen:
Ein älterer Mann bleibt stehen und sagt: “Ich bin nicht aus Münster, ich bin aus Dortmund. Doch die Blinden sind überall. So wie die Ribbelplatten, die sind auch überall. Selbst an jedem Supermarkt. Obwohl ich noch nie einen Blinden hab aus dem Auto aussteigen sehn, der dann den Weg über diese Linien nimmt hinein bis in den Supermarkt. Aber Hauptsache die Behindertenparkplätze sind ganz vorn. Und dann die Frauenparkplätze. Aber die Rentner, die das meiste Geld ausgeben, die dürfen ganz hinten parken, und dann mit ihrem Einkaufswagen über diese Ribbelplatten schieben.“ Wenn auch perplex aber dennoch schlagfertig entgegnete ich. “Ach ja, ich dachte die Rentner haben kein Geld“. Mit den Worten, wir haben genug Geld ging er davon.

Wir blieben mit einem Kopfschütteln zurück. Unfassbar nicht wahr?
Jaja, da zeigt es sich wieder – Aufklärung tut Not!